Nachruf Fidel Rädle

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Fidel Rädle (1935-2021)

Die Erlanger Mittellateinerinnen und Mittellateiner trauern um den Mittel- und Neulateiner Fidel Rädle. Wie wenige andere beherrschte Fidel Rädle Epochen und Genera der lateinischen Literatur. In der akademischen Welt weist man in Lobreden höflich auf das breite Interessenspektrum von Kolleginnen und Kollegen hin. Bei Fidel Rädle war dies keine Floskel, sondern erlebte Wissenschaft. Er forschte und publizierte über Dichtung und Prosa auf Latein von der Spätantike bis ins 18. Jahrhundert. Seine Beiträge etwa über karolingische Autoren wie Smaragd von Saint-Mihiel, dem er seine Dissertation widmete, oder Otfrid von Weißenburg sind nach wie vor lesenswert, und dasselbe trifft auf viele andere Studien zu, etwa auf seine zahlreichen Arbeiten über das humanistische und barocke Theater. Seine Schriften zeichneten sich nicht nur durch eine souveräne Kenntnis der lateinischen Sprache in ihrer geschichtlichen Entwicklung, sondern auch durch philologische Akribie, Ideenreichtum und – eine seltene Qualität bei Philologinnen und Philologen – subtilen Witz aus. Ausgebildet wurde er zuerst als Germanist und Klassischer Philologe in Tübingen, aber einen bleibenden und erkennbaren Einfluss auf ihn hatten vor allem seine Münchner Jahre. An der Ludwig-Maximilians-Universität war er Schüler u.a. von Bernhard Bischoff. Nach einer kurzen Zeit als Assistent von Franz Brunhölzl am neu gegründeten Seminar für Lateinische Philologie des Mittelalters in Erlangen wechselte er mit ihm 1965 nach Marburg, wo er 1967 promoviert wurde und 1976 seine Habilitation einreichte. Ab 1981 bekleidete er eine Professur für Mittellatein und Neulatein in Göttingen (ab 1991 als Ordinarius). Im Jahre 1993 wurde er in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aufgenommen. Als akademischer Lehrer verfügte Fidel Rädle über eine große Ausstrahlung und gab seinen Schülerinnen und Schülern die Liebe zu seinem Fach weiter. Mehr als dreißig Jahre begeisterte er die Studierenden und Doktoranden, die er durch seine großzügige, warmherzige Weise für die Erforschung der lateinischen Literatur gewinnen konnte. Was für andere vor allem Studienobjekt war, war für Fidel Rädle allerdings auch rege Leidenschaft. Über einen längeren Zeitraum widmete er sich der lateinischen Dichtung als Autor und 1993 entschied er sich, seine Gedichte unter dem Titel De condicione bestiali vel humana / Von Tieren und Menschen zu veröffentlichen (eine zweite Auflage erschien 2018 unter dem Titel Vita salva). Fidel Rädle kann für sich ein Interesse als Dichter an sich, unabhängig vom sprachlichen Medium, beanspruchen, weil er die verschiedensten Register – von der Elegie bis zur Satire – beherrschte. Dass er auch moderne und ungewöhnliche Themen in einem virtuos gehandhabten Latein behandelte („Der Minirock“, „Skifahren“), erhöht den Genuss bei all den Leserinnen und Lesern, die wahre Poesie zu schätzen wissen. Wenn er seine Gedichte öffentlich von sich gab (meistens auf Drängen von Freunden, die seine Scheu vor großen Auftritten zu überwinden versuchten), erlebte man Sternstunden der Vortragskunst. Seit seiner Assistentenzeit war Fidel Rädle mit dem Erlanger Seminar verbunden, dessen Entwicklung er immer mit Interesse verfolgte und unterstützte. Die Mittel- und Neulateinerinnern und -lateiner, die ihn persönlich kannten und schätzten, werden seiner immer mit Dankbarkeit gedenken. Fidel Rädle verstarb in Göttingen am 15. Juli 2021 in seinem 86. Lebensjahr.

Michele C. Ferrari

 

Hier finden Sie den Nachruf der SZ vom 25. Juli 2021.